Brasilianische Körperpraktiken
Workshopreihe

Anlässlich des Schwerpunkts Spotlight Lia Rodrigues & Associates widmet sich eine Workshopreihe Körper- und Tanzpraktiken, die stark im brasilianischen Kontext verankert sind. Sie verbinden zeitgenössischen Tanz, kulturelles Erbe und gesellschaftliche Fragestellungen miteinander und geben so Einblick in die Verschränkung von Körper.

Künstler*innenhaus Mousonturm — Probebühne 1

So. 1.11. | 11:00 Uhr, bis 13:00 Uhr

Für Teilnehmende mit fortgeschrittenen Bewegungserfahrungen (ab 18 Jahren)

Der Workshop ist von Biomen, d.h . Lebensräumen inspiriert, in dem Klima, Landschaft sowie pflanzliches und tierisches Leben zu einem eigenen, in sich stimmigen System verschmelzen ebenso wie von dem Konzept der environmental sculptures, Kunstwerke, die in enger Beziehung zu ihrer Umwelt stehen.  Der Workshop startet am Boden. Im Mittelpunkt stehen sinnliche Erfahrungen, die Wahrnehmung von Zeit und die Körperlichkeit von Pflanzen und Tieren. Zugleich leitet die Frage wie diese im Verhältnis zu architektonischen Strukturen stehen. Durch diese Improvisationen können  unterschiedliche Körperzustände erlebt werden, von figurativen zu abstrakten Formen. Dabei entwickelt sich die Wahrnehmungs- und Bewegungsweise hin zum Schweben. Dabei wird somatische, neurokognitive Arbeit mit Capoeira Angola verbunden. Es entfaltet sich so mehr Flexibilität und Raum in den Köpfen und Körpern. Mit de Ziel ein gesteigertes Gefühl der Verfügbarkeit zu erreichen, treten die Teilnehmenden eine Reise der Kontaktimprovisation an, mit Phasen der Schwerelosigkeit und des Gestaltwandels. Es folgenden komplexere Konfigurationen, die von der Jooss-Leeder-Methode inspiriert sind, wie etwa von der Wissenschaft der Qualitäten und der Wissenschaft der Räume.

Biografie:

Aufgewachsen im Austausch mit seiner Familie in Nordeuropa und Lateinamerika, wurde Patric Lindström bereits in seiner Kindheit mit der Philosophie der Capoeira Angola als auch mit der Praxis der abstrakten Malerei vertraut gemacht. Er studierte Kulturanthropologie ebenso wie bildende und darstellende Kunst. In seiner künstlerischen Arbeit greift er häufig auf Konzepte aus den Naturwissenschaften zurück wie Quantenphysik und Kognitionswissenschaften. Sein Interesse ist so einen Dialog über zeitgenössische Fragestellungen anzuregen, der auch das Ökologische und Nicht-Menschliche miteinbezieht. Patric Linström regelmäßig zu Auftragsarbeiten und Kollaborationen mit anderen Künstler*innen eingeladen, wobei er in verschiedenen Rollen wirkt – als darstellender Künstler, Bühnenbildner, Forscher und Vermittler. absolvierte das internationale Programm „Touring and Environmental Responsibility Pathfinders“, das in Partnerschaft mit der Danish Arts Foundation, dem Arts Council Norway, dem Arts Council England, Julie’s Bicycle und In futurum durchgeführt wird, während er zugleich für die lateinamerikanischen Künstlerinnen Marta Minujín und Christiane Jatahy arbeitete. Derzeit absolviert er eine Spezialisierung unter der Mentorschaft der vietnamesisch-deutschen Künstlerin Sung Tieu.

Credits:

Die Entwicklung des Workshopkonzepts wurde unterstützt durch Artists for the Amazon und Amazon Aid Foundation

Foto: Antonella San Martín

Hessisches Staatstheater Wiesbaden — Ballettsaal

So. 1.11. | 13:00 Uhr, bis 15:00 Uhr

Workshop geeignet ab 16 Jahren

Dieser Workshop lädt dazu ein, afro-indigene brasilianische Tanz- und Bewegungssprachen durch Rhythmus, Körper und Xequerê zu erfahren. Im Mittelpunkt steht die Verbindung von Tanz und Percussion: Der Rhythmus wird nicht nur gehört und gespielt, sondern mit dem ganzen Körper erlebt und in Bewegung übersetzt.

Das Xequerê – eine mit Perlen bespannte Rassel, die in verschiedenen afro-brasilianischen musikalischen Traditionen verwendet wird – wird dabei zum musikalischen und körperlichen Partner. Die Teilnehmer*innen lernen grundlegende Spieltechniken und Rhythmen kennen und verbinden diese mit Bewegungen, Schritten und tänzerischen Sequenzen.

Ausgehend von afro-indigenen brasilianischen Traditionen entsteht ein gemeinsamer Raum, in dem Rhythmus, Bewegung, musikalischer Ausdruck und Begegnung miteinander verbunden werden. Dabei geht es nicht um die perfekte Ausführung, sondern um das Zuhören, den Dialog zwischen Körper und Rhythmus und die Freude am gemeinsamen Erleben.

Der Workshop richtet sich an Menschen ab 16 Jahren und ist offen für Teilnehmer*innen mit unterschiedlichen Vorerfahrungen. Die Vermittlung erfolgt auf Portugiesisch, Deutsch und Spanisch.

 

Biografie:

Juliana Docio ist Tänzerin, Tanz- und Theaterpädagogin sowie Musikerin. Interdisziplinär verbindet sie Musik, Bewegung, Theater und Community Art. Sie ist Gründerin und Leiterin des Kollektivs Xequerinas und als Shekere-Spielerin in verschiedenen musikalischen Projekten aktiv.

Foto: Adriana Tavares 

Künstler*innenhaus Mousonturm — Probebühne 1

Fr. 13.11. | 17:00 Uhr, bis 20:00 Uhr

Der Workshop ist geeignet für Praktizierende, Studierende und Interessierte aus den Bereichen somatische Praktiken, Tanz, Choreografie, Performance-Kunst und Urban Studies. Große Teile des Workshops finden im Stadtraum statt.

Wie verändern die Bewegungslinien unserer Körper die soziopolitischen Architekturen, die wir bewohnen? Wie bewahren unsere Körper die Archive eines Ortes? Der intensive dreistündige Workshop erforscht Choreografie als kritische Methode um die Archive des räumlichen Gedächtnisses offenzulegen. Die Teilnehmenden sind eingeladen, sich mit Praktiken des Deep Listening und der somatischen Bewegung zu beschäftigen. Diese zielen darauf ab, das körperliche Bewusstsein zu erweitern und die räumliche Wahrnehmung zu schärfen. Indem wir den Körper als sensibles Instrument begreifen, das in der Lage ist, feine Veränderungen in der Stadtlandschaft zu lesen, untersuchen wir die Schichten und Beziehungen zwischen unseren physischen Strukturen und den öffentlichen Räumen, die wir dynamisch aufbauen und bewohnen. Durch experimentelle Scores, d.h. Bewegungsanweisungen, verwandeln wir unsere kollektive Bewegung in eine performative Historiografie – wir durchkämmen die Stadt, um verborgene Erinnerungen freizulegen, vorherrschende Erzählungen infrage zu stellen und neue somatische Landschaften in Frankfurt zu kartografieren.

Somatische Übungen und Übungen, die den Körper erden. Ziel ist die Sinne und die Wahrnehmung zu erweitern, sodass diese über reguläre visuelle Parameter hinausgehen. Angeleitete Bewegungsforschung, die untersucht, wie sich Gewicht, Atem und Orientierung verändern, wenn Schwerkraft, Hindernisse und architektonische Grenzen verhandelt werden; Driften und Archivieren, einem strukturierten Mikro-Driften durch die unmittelbare Umgebung des Mousonturms. Der städtische Raum wird als Palimpsest behandelt, und die Teilnehmenden werden eingeladen, aktiv Spuren, Überreste und Erinnerungen zu sammeln, die in die moderne Landschaft eingeschrieben sind; das Übersetzen von physischen Sammlungen, Geschichten und räumlichen Daten in körperliche Ausdrucksformen. Untersucht wird dabei, wie sich Körper und Umgebungen gegenseitig einen instabilen Halt bieten.

 

Biografie:

Rodrigo Andreolli ist ein brasilianischer Künstler und Choreograf, der seit langem mit dem Teat(r)o Oficina verbunden ist. Seine Arbeit kombiniert darstellende Kunst, Architektur und Mixed-Reality-Installationen, um den öffentlichen Raum zu aktivieren. Er ist Masterabsolvent der Justus-Liebig-Universität in Gießen und ehemaliger Gastforscher am MIT.

Foto: R. Andreolli

Staatstheater Darmstadt — Ballettsaal

Sa. 14.11. | 11:00 Uhr, bis 13:00 Uhr

Begleitet durch Rhythmen der Trommeln lädt dieser Workshop Teilnehmende ein, den Körper als Raum der Wahrnehmung, der Handlungsfähigkeit und der Selbstbestimmung zu erkunden.

Der Workshop verbindet zeitgenössischen Tanz mit den Bewegungsqualitäten der Orixás. Ausgehend vom Körper als Archiv erforschen die Teilnehmenden durch Improvisation und Bewegungsrecherche Themen wie Herkunft, Natur, Identität und posthumane Perspektiven.

Tanz und Bewegung spielen seit jeher eine wichtige Rolle in diasporischen Kontexten und bieten Wege, sich mit der eigenen Identität, Erdung und einem Gefühl der Zugehörigkeit zu verbinden. Diese Dimensionen sind tief in der brasilianischen Kultur verwurzelt, in der die Tanzpädagogin und Choreografin Bárbara Luci Barvalho aufgewachsen ist.

Statt die Orixás als feste Darstellungen zu behandeln, schafft der Workshop einen Raum für verkörperte Forschung: Wie kann Bewegung zu einer Art des Zuhörens für Wissen werden, das von den Ahnen stammt? Wie kann sich der Körper jenseits einer menschzentrierten Perspektive zur Natur in Beziehung setzen? Und wie können Rhythmus, Vorstellungskraft und Bewegung neue Möglichkeiten eröffnen, den Körper zu erleben und zu verstehen?

Vorkenntnisse im Tanz sind nicht erforderlich. Der Workshop ist eine Einladung zum Zuhören, Bewegen, Experimentieren und Entdecken.

Musikalische Begleitung: Bernhard Bub

In Kooperation mit Escuna Criativa e.V. und protagon international performing arts e.V

Biografie:

Bárbara Luci Carvalho ist eine brasilianische Tänzerin, Performance-Künstlerin und Pädagogin, die seit 2010 in Frankfurt am Main lebt und mit antagon TheaterAKTion zusammenarbeitet. Sie hat einen Abschluss in Theaterpädagogik von der Bundesuniversität von Bahia (UFBA) und einen Master in Choreografie und Performance von der JLU Gießen. Sie unterrichtet afro-diasporischen zeitgenössischen Tanz, physisches Theater und somatische Körperwahrnehmung aus einer dekolonialen, schwarzen feministischen Perspektive.

Foto: Claudia Simchen Fotografie